Es braucht nur ein Glas Wein, ein paar Oliven und den nahenden Sonnenuntergang. In diesem Augenblick, zwischen Tagesausklang und Abenddämmerung, entsteht eines der beliebtesten italienischen Rituale: der Aperitivo. Er ist nicht nur ein Getränk vor dem Abendessen, sondern eine kleine, alltägliche Geste, die unsere Persönlichkeit widerspiegelt. Er bedeutet, innezuhalten, sich zu begegnen, den Worten Zeit zu geben. Es ist die italienische Kunst der Gelassenheit, verdichtet in einem Glas.
Die Ursprünge des Aperitifs reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Der Überlieferung nach wurde er 1786 von Antonio Benedetto Carpano in Turin erfunden, zusammen mit seinem Wermutrezept: einem mit Alpenkräutern aromatisierten Wein, der bald den Hof Savoyens eroberte. Von dort aus verbreitete sich das Ritual in den historischen Cafés von Turin bis Mailand, von Venedig bis Florenz. Diese Lokale mit ihren Marmortischen, Spiegeln und Kellnern in Livree wurden zu den Salons der Stadt, zu Orten, an denen über Politik, Wirtschaft und Kunst diskutiert wurde. Der Aperitif wuchs mit dem modernen Italien und spiegelte dessen Wandel wider.

Im zwanzigsten Jahrhundert kam die große Revolution: die Spritz in Venedig, dann Negroni in Florenz, die Amerikaner in MailandDrei Cocktails, die zu Ikonen geworden sind und heute weltweit bekannt sind. Doch das Ritual des Aperitivo ist vor allem das, was uns umgibt: die Gespräche, die Atmosphäre der Plätze, die Freude am Zusammensein ohne besonderen Anlass. Es ist eine Art, Zeit zu erleben.
In den letzten zwanzig Jahren hat dieses Ritual Italiens Grenzen überschritten und die Welt erobert. In London, New York, Berlin und Tokio ist „Aperitivo“ ein Wort, das auf Italienisch ausgesprochen und ohne Übersetzung verstanden wird. Der Spritz ist zum internationalen Symbol des Sommers geworden, der Negroni zum Klassiker in den besten Bars der Welt. Selbst das Aperitivo-Buffet mit Appetithäppchen und Canapés hat sich als Lebensart etabliert. Es ist ein perfektes Beispiel für italienische Soft Power: ein einfacher, authentischer Brauch, der sich über lange Zeit großer Beliebtheit erfreut.
Für alle, die im Ausland leben, wird der Aperitivo zu etwas ganz Besonderem. Er ist ein Stück Italien, das man mitnimmt. Der Duft frisch geschnittener Orangenschalen, die Farbe eines Campari, das goldene Licht eines Glases im Fenster. Es sind die kleinen Gesten, die an die Piazzas, die ausgelassenen Abendessen und das Lachen der zurückgelassenen Freunde erinnern. Vielleicht liegt das Geheimnis des italienischen Aperitivos genau darin: Es geht nicht darum, was man trinkt, sondern darum, was man teilt. Es ist eine Art, der Welt zu zeigen, dass das Glück letztendlich in den einfachen Dingen liegt: ein Toast, ein Stuhl in der Sonne, ein Gespräch, das sich Zeit lässt. Es ist unser kleines, weltliches Ritual, der Moment, in dem Italien, wo auch immer es sein mag, nach Hause kommt.