In Italien sind Gesten nicht einfach nur eine Ergänzung zur Sprache: Sie sind eine eigenständige, unmittelbare Ausdrucksform, tief im Alltag verwurzelt. Jede Konversation nimmt auch im Raum Gestalt an, durch Bewegungen, die Worte verdeutlichen, verstärken und manchmal ersetzen.
Der Ausländer bemerkt es sofort. Er sucht nach dem Weg zur Bushaltestelle und sieht sich plötzlich einer ganzen Choreografie gegenüber: Zeigefinger, Handflächenkreisen, Achselzucken, sich in Echtzeit verändernde Gesichtsausdrücke. Das Schöne daran ist, dass die Botschaft oft trotzdem ankommt, selbst wenn man die Sprache nicht versteht. Es ist eine Art natürliche Untertitelung. Italienische Gesten sind praktisch. Sie dienen der Verdeutlichung, Verstärkung und Zusammenfassung. Wenn Worte nicht ausreichen, kommen die Finger zum Einsatz. Man denke nur an die berühmte Geste mit den zusammengelegten Fingern: Sie kann „Was willst du?“, „Was sagst du?“, „Moment mal!“ oder all das bedeuten, je nach Geschwindigkeit der Bewegung und Gesichtsausdruck. Es ist praktisch ein vollständiger Satz im Taschenformat.

In der Schlange an der Bar, in einer Fußballdiskussion, im Auto im Stau: Jede Situation hat ihre eigene Geste. Es gibt eine Geste für „Perfekt“, eine für „Ich bin anderer Meinung“, eine, um jemanden näher heranzubitten. Und das alles, ohne den Gesprächsfluss zu unterbrechen. Es ist Kommunikation im Multitasking-Modus. Selbst am Telefon, wo uns niemand sieht, sind unsere Hände ständig in Bewegung. Denn wir tun es nicht für andere, sondern um besser denken zu können. Gesten helfen uns, das richtige Wort zu finden, geben einem Satz Rhythmus, ordnen unsere Gedanken. Sie sind Zeichensetzung in Bewegung.
Und dann ist da noch der demokratische Aspekt: Jeder versteht Gesten. Von Kindern bis Großmüttern, von Lehrern bis Gemüsehändlern. Sie bilden eine Art Parallelsprache, die Nord und Süd, Städte und Dörfer verbindet. Der Akzent mag sich ändern, das typische Gericht auch, aber die Handgeste bleibt vertraut. Natürlich besteht die Gefahr, es zu übertreiben. Eine hitzige Diskussion unter Italienern kann von außen betrachtet wie der Beginn eines Boxkampfes wirken. In Wirklichkeit geht es meist nur darum, wo sie essen gehen. Italienische Gesten sind in Wahrheit ein Mittel, um Distanzen zu überbrücken. Sie machen Gespräche lebendiger, direkter und menschlicher.




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